
Zigtausend Busfahrer arbeiten zu unerträglichen Bedingungen in kleinen und mittelgroßen Familienunternehmen. mobifair schaute einmal hinter die Kulissen eines „ganz normalen“ Arbeitsplatzes.
„Wieder so eine Sonntagsfahrt“, denkt sich Peter Postl, Busfahrer bei einem mittleren Familienunternehmen und immer auf Achse. Zwölf Euro pro Nase kosten die Schnäppchen-Touren. Ziel ist ein Weinfest in der Pfalz. Sechs Stunden Zwangspause während des Aufenthalts und dann wieder zurück, Bus putzen und morgen wieder mit dem Schulbus unterwegs. „Hoffentlich sind die Teilnehmer diesmal etwas resistenter gegen den Müller-Thurgau, oder den Dornfelder“, wünscht sich Postl. Er weiß, dass sonst die Nacharbeit im Bus in echte Sauerei ausartet. „Aber immer noch besser als fünf Tage Südfrankreich-Rundreise oder die Samstag-/ Sonntag-Tour nach Prag, sonntags zurück“. Er legt den Zettel mit der Tourankündigung, den die Chefin eben in die Werkstatt gebracht hat, auf die Werkbank.
Vor drei Jahren hat er bei einem Regionalbusunternehmen „hingeschmissen“. „Ich war so richtig fertig, ausgebrannt, hatte Schlafstörungen und wollte einfach nicht mehr – auch um meine Ehe zu retten, meine Frau und ich waren uns immer fremder geworden. Geholfen hat es nichts“, sagt er achselzuckend mit einem Gesichtsausdruck der Hilflosigkeit. „Als unfallfreier Busfahrer kommt man ja immer wieder irgendwo unter, habe ich mir gedacht und mir einfach mal eine ,Auszeit‘ gegönnt“, sagt er mit etwas Wehmut im Ton.
Er hat Recht, unter kommt man als Busfahrer immer wieder, aber zu welchen Konditionen spürt Postl jetzt. 36 Prozent seines ehemaligen Einkommens fehlen ihm nun, gefahren wird gut 50 Prozent mehr und bei Problemen zum Betriebsrat? – Fehlanzeige. Wenn das Trinkgeld von den Wochenendfahrten nicht wäre, käme der sympathische Enddreißiger mit dem Kurzhaarschnitt nicht über die Runden.
Um sich nebenbei überhaupt etwas leisten zu können, jobbt er an den Abenden, an denen er zu Hause ist, als Kellner im Gasthaus seines ehemaligen Klassenkameraden. „Das ist mein Glück, dass mein Freund diesen Laden hat und ich da aushelfen kann“, sagt er. „Aber ein Leben auf Dauer kann ich mir so nicht vorstellen“, relativiert er diese Aussage vom Glück.
„Es ist manchmal ganz schön schlimm, das mit dem Gewissen“, plaudert Postl „aus dem Nähkästchen“: „Wenn man Sonntagnacht bei Freiburg eine Stunde im Stau steht und zwischen Darmstadt und Frankfurt schon der nächste gemeldet wird, weiß man, dass es knapp wird bis zum Schülerverkehr am Montagmorgen. Manchmal hält mich morgens nur das Kindergeschrei im Bus wach.“ Peter Postl weiß, dass „der Teufel los“ wäre, wenn an einem solchen Tag mal was passieren sollte. „Aber wir können es uns ja nicht aussuchen“, versucht er sich halbherzig zu entschuldigen.
Während wir miteinander reden, entfernt er unter dem aufgebockten Bus mit einem Pressluftschrauber ein Abdeckblech. Er ist der ideale Beschäftigte für einen solchen Familienbetrieb. Ausgebildet als Lkw-Schlosser – allerdings ohne Abschluss – kann er Wartungsarbeiten und kleinere Reparaturen an den Bussen ausführen. „Alles inklusive, für sechs Euro achtzig die Stunde“, sagt er, während er sich mit einem Lumpen die Hände abwischt.
Auf eine mögliche Gehaltserhöhung angesprochen winkt er nur ab. „Da ist hier wirklich nichts drin, ich seh’ doch, wie alle hier rumkrebsen. Die Busse müssen abbezahlt werden, und wenn wir nicht für ’nen Knopf und ’n Ei fahren, gehen die Aufträge woanders hin. Manchmal wundere ich mich, wie der Chef da immer über die Runden kommt. Die Qualität und die Sicherheit bleiben bei der Art von Wettbewerb natürlich als Erste auf der Strecke“, sagt er und vergisst, dass er und seine Bedürfnisse längst schon auf der Strecke geblieben sind.
* (Name geändert)






